13.07.20
Thomas Meyer im Interview

Thomas Meyer im Interview

Zusammen mit Museum Schaffen lanciert Thomas Meyer die «Aktion für ein kluges Schaffen». Der Schriftsteller lädt uns mit seinen Fragen dazu ein, unsere Beziehung zur Arbeit zu reflektieren. Im Gespräch denkt er auch selbst nach: über niedere Jobs, die Sehnsucht nach Anerkennung, das Bedingungslose Grundeinkommen, menschliche Lernresistenz und ein Leben vor der Erfindung des Buchdrucks.

ANDREA KELLER (MUSEUM SCHAFFEN): Thomas Meyer, du bist ein Mann des Wortes. Wie gut gefällt dir das Wort Arbeit?
THOMAS MEYER: Als Wort selbst? Ich finde es nicht so schön. Da gefällt mir Himbeersirup besser. Und die Worte schön und hübsch finde ich auch schöner, hübscher. Bei Arbeit kommt mir halt unweigerlich «Arbeit macht frei» in den Sinn (Anmerkung d. Red.: Der Spruch «Arbeit macht frei» wurde durch seine Verwendung als Toraufschrift an den nationalsozialistischen Konzentrationslagern bekannt). Der Begriff ist wohl auch sonst eher negativ konnotiert. Es gibt viele Menschen, die an ihrer Arbeit überhaupt keine Freude haben. Für die ist das Schaffen eine lästige Pflicht.

Bei dir ist das anders, nehme ich an.
Ja. Was ich mache, macht mich sehr froh.

Wenn man deinen Namen bei Wikipedia eingibt, steht da: «Thomas Meyer ist ein Schweizer Schriftsteller, Drehbuchautor, Texter und Aktionskünstler.» Viele kennen dich als Schöpfer von Motti Wolkenbruch, mit dem du unglaubliche Erfolge feierst. Ich möchte aber über den Aktionskünstler bzw. die «Aktion für ein kluges Zürich» reden. In den Jahren 2007 bis 2010 hast du überall in Zürich Fragen hingeklebt: auf Geldautomaten, Laternenpfähle, Abfallcontainer, Plakatsäulen usw. Wie kam’s dazu?
Ich hatte vorgängig über einen längeren Zeitraum hinweg Fragen notiert und gesammelt, die mich umtrieben haben. Irgendwann hatte ich etwa 150 beisammen. Da begann ich, mir zu überlegen, was ich damit anstellen könnte. Fragebücher gab es schon – von Max Frisch, beispielsweise, unerreichbar gut. Und von Fischli/Weiss, eher beliebig.

Beliebig?
Über weite Strecken sinnlos, ja. Jedenfalls wollte ich meine Fragen anders unters Volk bringen, direkter. Da kam mir die Idee mit den Aufklebern, die ich dann auch selbst gestaltet hab, ganz banal: Eine Frage pro Aufkleber, in Helvetica, schwarz auf Weiss. Als Absender nannte ich die «Aktion für ein kluges Zürich». Und dann bin ich jeweils bei Nacht und Nebel losgezogen und habe die Stadt zugeklebt, auch zusammen mit Freunden. Das war sehr lustig.

Hast du zwei, drei Beispiele für Fragen aus der «Aktion für ein kluges Zürich»?
Finden Sie Ihre Lebensweise nachahmenswert? Sind Sie ein guter Mensch? Seit wann? – Es gab auch solche mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten: Was löst das Glück anderer in Ihnen aus? a) Spott, b) Neid, d) Glück. Ich finde Fragen etwas Faszinierendes. Weil niemand vor ihnen abhauen kann. Wenn ich dich beispielsweise frage: «Was beschäftigt dich im Moment am meisten?», dann beantwortest du das. Vielleicht nicht mir, aber auf jeden Fall dir. Ob du willst oder nicht.

Ich möchte dir jetzt eine jener Fragen stellen, die du für das museum schaffenzum Thema Arbeit geschrieben hast: Welche Arbeit wäre Ihnen zu nieder?
(überlegt) Ich habe schon viele niedere Arbeiten verrichtet und dabei erfreut festgestellt, dass mir keine wirklich zu nieder war. Klar, es ist eine Frage des Ausmasses. Wenn ich jeden Tag im Altersheim WCs putzen müsste, fände ich das nicht lustig, aber zu fein wäre ich mir dennoch nicht. Auf der Insel Lesbos beispielsweise habe ich im Rahmen der Flüchtlingsversorgung einem Querschnittgelähmten, der aus einem Gummiboot gehoben wurde, den Urinbeutel nachgetragen – ist das nieder?

Im Gegenteil! Und ich frage mich gerade: Was ist das überhaupt, eine niedere Arbeit? Ich denke, es gibt vermeintlich attraktive, auch gut bezahlte Jobs, die im Grunde nieder sind, auf einer moralischen Ebene. Und dann wiederum gibt es ganz einfache, vielleicht auch schmutzige Arbeiten, die eine unglaubliche Wertschätzung verdient hätten.
Richtig. Ich denke da an die SBB-Angestellten, die nach einem Selbstmord die Spuren beseitigen müssen – an der Lokomotive oder auch am betreffenden Ort der Bahnstrecke. Dass die keine Gefahrenzulage und keinen richtig guten Lohn erhalten, ist eine Schweinerei. Aber zurück zur ursprünglichen Frage: Welche Arbeit wäre Ihnen zu nieder? impliziert ja auch die Umstände. In meinem Fall: Was wäre, wenn ich mal keine Ideen mehr hätte für Geschichten, sich meine Bücher nicht mehr verkaufen würden, keiner mehr an meine Lesungen käme? Dann würde ich lieber bei der IKEA arbeiten als in einer Werbeagentur, soviel ist sicher. Und selbst wenn ich da nur Regale auffüllen oder den Kunden tagein, tagaus das Immergleiche erklären müsste, eine Katastrophe wäre das nicht. Solange ich mein Kind sehen kann, wir beide gesund sind, in der Schweiz leben und ein Dach über dem Kopf haben, ist alles in Ordnung.

Noch eine Frage von Meyer an Meyer: Wofür arbeiten Sie wirklich?
Das kann man Künstler immer fragen: Arbeitest du für die Menschen, die deine Kunst konsumieren? Arbeitest du für dich, weil du dadurch Beachtung erfährst? Oder stehst du tatsächlich in den Diensten deiner Kunst? Mir hat kürzlich eine Handleserin gesagt: «Ihr Lebensthema ist die Anerkennung. Alles, was Sie tun, tun Sie, um die Anerkennung zu bekommen, die Sie als Kind nicht bekommen haben.» Wenn sie Recht hat, bin ich gar kein Schriftsteller, sondern ein Anerkennungsjunkie

Glaubst du nicht, dass wir alle Getriebene sind von dieser Sehnsucht nach Anerkennung?
Doch, natürlich. Wobei es letztlich nicht mal die Anerkennung ist, die wir wollen. Wir sehnen uns nach der Gültigkeit und Wertschätzung, die wir über die Anerkennung erfahren.

Arbeitest du auch des Geldes wegen?
Schau, wenn du mir die Frage stellst «Wofür arbeitest du?», dann würde ich sagen: «Ich arbeite für meine Freude.» Und wenn du mich fragst: «Wofür arbeitest du wirklich?», dann sage ich: «Es besteht wohl der Verdacht, dass ich für meine Wertschätzung arbeite – und dabei erlebe ich viel Freude.» Aber Geld als Motivator? Nein. Auch wenn kein Geld zu haben, eine Menge Stress bedeutet. Ich habe in verschiedenen Phasen in meinem Leben wenig bis kein Geld gehabt und das als äusserst unangenehm empfunden. Wenn du merkst, dass du nicht mehr in der Lage bist, deinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, dann werden aus Auslagen Forderungen. Und aus den Forderungen werden potenziell unangenehme Konsequenzen. Es macht mich sehr betroffen, dass im Kanton Zürich rund 100’000 Menschen unter dem Existenzminimum leben müssen.



«ES BESTEHT WOHL DER VERDACHT, DASS ICH FÜR MEINE WERTSCHÄTZUNG ARBEITE. UND DABEI ERLEBE ICH VIEL FREUDE.»



Schmerzlich an dem Zustand ist sicher auch, dass in unserer Leistungsgesellschaft der Verdienst mit dem Wert eines Menschen verbunden wird. Allein schon über das Wort Verdienst.
Ich kenne eine Frau, die seit fünf Jahren von der Sozialhilfe abhängig ist. Sie sagte: «Ich kann es kaum erwarten, 62 zu werden. Dann bin ich pensioniert – also wieder normal. Als Sozialfall wirst du schräg angeschaut. Die Leute fragen sich, was mit mir nicht stimmt. Als Pensionärin hingegen kann mich die Gesellschaft akzeptieren. Dann gehöre ich wieder dazu.» Das bringt vieles auf den Punkt.

Das ist auch eine der Hoffnungen, die beim Bedingungslosen Grundeinkommen mitschwingen: dass die Arbeitslosen ihr Stigma loswerden. Apropos: Was hältst du vom Bedingungslosen Grundeinkommen?
Für mich ist das BGE die einzig vernünftige Antwort auf all die Herausforderungen, die auf uns zukommen. Und ich glaube, dass es finanzierbar ist. Aktuell fliessen von jedem aufgewendeten Sozialfranken via Arbeitslosenversicherung, Sozialversicherung und Invalidenversicherung 80 Rappen in die Verwaltungskosten, weil jeder Fall seinen Betreuer benötigt. Mit dem BGE würde ein Grossteil dieser Aufwände wegfallen. Und zweitens: Das Leben kann doch nicht nur darin bestehen, sich den Arsch aufzureissen. Viele Leute sind frustriert, weil die Arbeit einen derart hohen Stellenwert hat, und daneben alles zu kurz kommt: Freunde, die Familie, persönliche Interessen. Und diese Panikmache der Kritiker, dass mit einem BGE niemand mehr arbeiten würde, ärgert mich enorm. Gut, vielleicht würden einige zwischendurch mal nicht arbeiten. Aber wäre das denn so schlimm? Und die allermeisten, davon bin ich überzeugt, würden es eben trotzdem tun, zumal ein Grundeinkommen keine grossen Sprünge ermöglicht, weil es eben ein Grundeinkommen ist. Ich bin dafür, weil die Frage, was man denn wirklich anstellen will mit seinem Leben, mehr Raum bekäme.

Du hast auch dazu eine Frage für die «Aktion für ein kluges Schaffen» erarbeitet: Wenn Sie nicht arbeiten müssten, woran würden Sie arbeiten?
Genau. Das meine ich damit.

Was glaubst du, wie wird es mit der Arbeit weiter gehen? Also grundsätzlich?
Die fortschreitende Digitalisierung wird viel verändern. Ich glaube, dass das positiv ist – nicht ausschliesslich, aber auch. Gerade, weil uns das die Möglichkeit gibt, unsere Beziehung zur Arbeit zu überdenken. Und wenn viele Jobs obsolet werden, sind wir irgendwann wirklich gezwungen, ein Grundeinkommen zu verteilen. Weil es anders gar nicht mehr geht. Ich finde, dass es viele der heutigen Jobs und Branchen im Grunde nicht braucht. Marketing, Werbung, Beratung, das ist doch alles Quatsch. Es ist auch nicht notwendig, ständig Neues zu kaufen und permanent in der Welt herumzureisen. Wir alle fürchten den Verzicht, der momentan empfohlen wird, aber täte er uns wirklich weh? Wenn man nicht mehr jeden Tag Fleisch isst, sondern nur noch einmal pro Woche, auf Städtereisen verzichtet und sein Handy und sein Auto vier oder mehr Jahre lang benutzt – ist das wirklich ein Verlust von Lebensqualität?



«DIE FORTSCHREITENDE DIGITALISIERUNG GIBT UNS AUCH DIE MÖGLICHKEIT, UNSERE BEZIEHUNG ZUR ARBEIT ZU ÜBERDENKEN.»



Reisen wir nach diesem Blick in die Zukunft kurz in die Vergangenheit. Das museum schaffen ist ein modernes Historisches Museum, also auch eines, das sich der Geschichte annimmt, der Geschichte der Arbeit. Glaubst du, dass der Mensch aus der Geschichte lernt?
Nein.

Das kam jetzt aber schnell. Warum nicht?
Weil die Geschichte nicht dazu da ist, damit wir aus ihr etwas lernen. Sie ist das Abbild des menschlichen Naturells. Eine Art Addition der Abbilder. Würden wir daraus tatsächlich etwas lernen, würde sich auch unser Naturell selbst verändern. Aber so funktioniert der Mensch nicht. Erst aus allergrösster Not heraus verändert er tatsächlich etwas. Und sobald er sich wieder in Sicherheit wiegt, vergisst er, was war. Geschichte ist nun mal abstrakt. Anders formuliert: Geschichte existiert nicht. Wir tun immer so, als wäre sie etwas Wahrhaftiges, das sich direkt vor unseren Augen ausbreitet, wie die Natur. Aber das stimmt nicht. Geschichte erschliesst sich einem nicht einfach so. Man muss sich um sie bemühen. Muss ihr nachrennen. Man muss ein Geschichtsbuch kaufen oder auf Wikipedia gehen.

Oder in ein Historisches Museum.
Ja. Aber das setzt einen Lernwillen voraus und auch eine Lerntätigkeit. Nehmen wir die letzte Finanzkrise. Es bahnt sich längst eine neue an – und nach der letzten hätte man einiges anders machen können. Warum haben wir nichts daraus gelernt? Weil die letzte Finanzkrise eben vergangen ist und somit nicht mehr existent. Das ist wie beim Tätowieren: Wenn ich mir ein Tattoo stechen lasse, ist das unglaublich schmerzhaft. Aber nach dem Abheilen vergesse ich das. Und dann gehe ich wieder hin. Und jedes Mal denke ich: Fuck, tut das weh.

Der Mensch lernt also nichts aus der Geschichte, weil er eben Mensch ist. Dich interessiert die Vergangenheit trotzdem, nehme ich an, schliesslich hast du auch mal ein Buch geschrieben, bei dem du einer historischen Figur auf den Grund gegangen bist.
«Rechnung über meine Dukaten» spielt in Preussen im Jahr 1716 und handelt vom exzentrischen König Friedrich Wilhelm I. Und auch bei meinem neuesten Buch, «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin», spielt die Vergangenheit eine grosse Rolle. Da setze ich bei den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges ein und spinne die Idee, dass sich eine Gruppe von Nazis nach der Niederlage in der Alpenfestung «Germania» verschanzt und von da aus die Entwicklung des Smartphones vorantreibt, um mit digitaler Hetze Krieg zu führen. Was leider alles andere als fiktiv ist.

Warum findest du es reizvoll, mit der Vergangenheit zu arbeiten?
Ich finde die Unterschiede wahnsinnig interessant. Wie hat die Stadt Zürich früher ausgesehen im Vergleich zu heute? Wie haben sich die Menschen gekleidet? Welche gesellschaftlichen Normen gab es? Es gibt auf Netflix die Serie «Kuhdamm». Die spielt in den 1950er-Jahren. Es gibt ein paar Ex-Nazis, eine junge Frau, die sich einen Mann zu suchen hat, und einen Homosexuellen, der alles unternimmt, um das zu verstecken. Weil es strafbar ist, als krank gilt und als heilbar. Die Macher der Serie haben sehr geschickt gearbeitet, visuell und sozialgeschichtlich.

Hast du dich mal gefragt, was aus dir geworden wäre, wenn du vor 500 Jahren geboren worden wärst? Thomas Meyer, vor dem Buchdruck zur Welt gekommen, was hättest du getan?
Ich hätte den ganzen Mist von Hand schreiben und in den Strassen verteilen müssen, sehr mühsam. Aber im Ernst: Das ist eine schwierige Frage. Nur schon die Vorstellung, dreissig Jahre früher geboren zu sein, also zu jener Zeit, in der meine Eltern auf die Welt gekommen sind. Da wäre mir in jungen Jahren vieles noch nicht erlaubt gewesen. Auch beim Schreiben.

Ich habe noch eine allerletzte Frage: Was ist für dich ein «kluges Schaffen»?
Ein kluges Schaffen ist ein Arbeiten, das niemandem zum Schaden gereicht. Ein kluges Schaffen ist ein konstruktives Schaffen. Ein kluger Chef ist einer, der das Beste aus den Leuten rausholt und nicht das Schlechteste. Ganz einfach.

THOMAS MEYER, 1974 geboren, arbeitete nach einem abgebrochenen Jura-Studium als Texter in Werbeagenturen und als Reporter auf Redaktionen. 2007 startete er die «Aktion für ein kluges Zürich» und machte sich als Autor und Texter selbständig. Sein erster Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» wurde zu einem Best- und Longseller, die Verfilmung «Wolkenbruch» (2018) war ein grosser Kinoerfolg und für fünf Schweizer Filmpreise nominiert. Mit «Verschiedene Arten von Warten», «Meyers kleines Taschenlexikon», «Meyer rät» und «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» sind 2019 gleich vier neue Bücher erschienen. Thomas Meyer lebt und arbeitet in Zürich. Foto: Andrea Keller
THOMAS MEYER, 1974 geboren, arbeitete nach einem abgebrochenen Jura-Studium als Texter in Werbeagenturen und als Reporter auf Redaktionen. 2007 startete er die «Aktion für ein kluges Zürich» und machte sich als Autor und Texter selbständig. Sein erster Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» wurde zu einem Best- und Longseller, die Verfilmung «Wolkenbruch» (2018) war ein grosser Kinoerfolg und für fünf Schweizer Filmpreise nominiert. Mit «Verschiedene Arten von Warten», «Meyers kleines Taschenlexikon», «Meyer rät» und «Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin» sind 2019 gleich vier neue Bücher erschienen. Thomas Meyer lebt und arbeitet in Zürich. Foto: Andrea Keller

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