Valentina Welser, 33, ist am Frauenstreik Winterthur an vorderster Front dabei. Im Interview erklärt die politische Aktivistin, warum neue Technologien für Frauen Vorteile bringen können und wieso die Diskussion um Gleichstellung auch eine Chance für Männer ist.
Interview: Melanie Wirz
Was muss sich 2019 in der Schweiz ändern?
Valentina Welser: Die ganze Diskussion um die Gleichstellung von Frau und Mann muss endlich Früchte tragen. Das Thema muss in der Politik stärker behandelt werden und Arbeitgeber müssen sich der Sache annehmen. Kurz: Die Schweiz braucht jetzt ein grösseres Bewusstsein für die Rolle der Frau in der Gesellschaft, damit wir wirklich von Gleichstellung sprechen können.
«DIE SCHWEIZ BRAUCHT JETZT EIN GRÖSSERES BEWUSSTSEIN FÜR DIE ROLLE DER FRAU IN DER GESELLSCHAFT.»
Und dafür gehen die Frauen am 14. Juni auf die Strasse.
Genau. Das ist der richtige Weg, um ein Zeichen zu setzen und Aufmerksamkeit zu generieren. Der Frauenstreik ist ein Appell an die gesamte Gesellschaft – auf der Strasse.
Wieso braucht es diesen Appell im 21. Jahrhundert noch?
Frauen wollen primär Verständnis für ihre Situation und ihre Rolle in der Gesellschaft schaffen. Wir gehen auf die Strasse, weil wir noch immer in einer patriarchalischen Gesellschaft leben. Weil in unserer Kultur sehr starke Rollenbilder und Stereotypen verankert sind und gepflegt werden, die nicht der Gleichstellung entsprechen.
Inwiefern?
Viele Bürgerinnen und Bürger haben immer noch das Modell der klassischen Familie mit dem Ernährerlohn des Mannes vor Augen. Nach dieser Kultur leben wir und genau deshalb ist die Frau oftmals in der schlechteren Position.
Vor allem in der Arbeitswelt.
Es ist Fakt, dass Männer in vielen Branchen bessere Positionen besetzen oder mehr verdienen als Frauen. Ein Beispiel: Ein Freund von mir arbeitet in einer Bank. Seine Mitarbeiterin ist zehn Jahre älter als er, verwaltet hundert Millionen mehr – verdient aber 35 Prozent weniger. Das ist unfair und muss sich ändern.
Was können Frauen tun – ausser streiken?
Die Gesellschaft muss lernen umzudenken. Und die Frau selbst muss stärker auftreten. Sie muss sich bewusst sein, dass auch ihre Stimme Gewicht hat – auch wenn sie lauter sprechen muss als ein Mann.
Was geht in den Frauen 2019 vor?
Einerseits spüre ich einen gewissen Ärger über Tatsachen wie schlechtere Arbeitsbedingungen. Das muss uns Frauen auch sauer machen. Es sind immer noch 300‘000 Menschen in der Schweiz, die zu den Working Poor zählen – mehrheitlich Frauen. Andererseits spüre ich im Kollektiv des Frauenstreiks, dass die Frauen dieses Jahr etwas verändern wollen. Sie sind hartnäckig, neugierig. Sie möchten herausfinden, wie weit sie gehen und was sie damit erreichen können.

Die Arbeitswelt ist im Wandel. Die Digitalisierung ermöglicht Home-Office und erleichtert Teilzeitarbeit. Profitieren Frauen davon?
Die Digitalisierung kann eine Chance sein. Frauen haben die Möglichkeit, ihre Lebensform freier zu gestalten. Mit Home- Office zum Beispiel: Sie können von zu Hause aus arbeiten und so Familie und Job besser unter einen Hut bringen. Zudem profitieren sie von modernen Arbeitsformen wie beispielsweise der Selbstvermarktung in den Sozialen Medien, wodurch sie selbständiger arbeiten können. Der technische Fortschritt bringt also mehr Flexibilität – mit allen guten und schlechten Seiten.
Welches sind die schlechten Seiten?
Der Arbeitsort ist ein Ort des sozialen Austausches, die Arbeit ein starker Integrationsfaktor. Wer im Home-Office oder Teilzeit arbeitet, kommt weniger in Kontakt mit anderen Menschen. Man muss aufpassen, dass man sich damit nicht ins Abseits manövriert, in Vergessenheit gerät und sich alleine fühlt.
Gibt es Lösungsansätze?
Wenn sich Mann und Frau die Arbeit prozentual aufteilen, entstehen Chancen für beide Seiten. Doch dafür müsste Lohngleichheit herrschen, damit der Mann nicht automatisch derjenige ist, der mehr arbeitet, weil sich die Familie sonst finanziell nicht über Wasser halten kann. Vielleicht will ein Mann gar nicht mehr arbeiten, muss aber, weil seine Frau deutlich weniger verdient als er.
Also muss die Rolle des Mannes auch hinterfragt werden?
Definitiv. Für mich ist Frauenunterdrückung paradoxerweise auch eine Unterdrückung der Männer. Oder besser gesagt: Männer werden in ein Profil gezwungen, das sie vielleicht gar nicht wollen. Viele Frauen haben eine genaue Vorstellung davon, was ein Mann alles bieten muss. Vom Eigenheim bis zum nötigen Einkommen. Deshalb ist die Diskussion um Gleichstellung auch eine Chance für den Mann. Auch er kann sich dadurch aus starren Rollen befreien, die vom Staat und von der Gesellschaft so vermittelt werden – eben, weil Lohnungleichheit herrscht. Und was wir sicher nicht brauchen, ist ein Staat, der eine Lebensform bevorzugt oder vorschreibt.
«FÜR MICH IST FRAUENUNTERDRÜCKUNG AUCH EINE UNTERDRÜCKUNG DER MÄNNER.»
Aber Männer sind beim Frauenstreik nicht willkommen.
Doch! In Winterthur haben wir uns dafür entschieden, dass die Männer am 14. Juni mitmarschieren dürfen. Wir haben dies einstimmig beschlossen. In Zürich hingegen dürfen Männer beim Streik nicht mitlaufen.
Wird der 14. Juni die Schweiz verändern?
Ein einziger Tag kann keine Veränderung bringen. Ändern muss sich das Verhalten in der gesamten Gesellschaft – und das jeden Tag. Veränderung kommt dann, wenn die Leute etwas wirklich wollen und daran teilhaben.
Was wird sich 2019 ändern?
Die Gesellschaft wird mehr über Gleichstellung und die Frau sprechen – sicher deutlich mehr als 2018.
VALENTINA WELSER, *1986, ist Wahlwinterthurerin und studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Sie arbeitet als Kunden-Supporterin bei einer Versicherung, ist Piratesse bei der Piratenpartei Zürich und Kämpferin für die Frauen. Deshalb ist sie Mitglied des Frauenstreik-Komitees Winterthur und bereitet sich fleissig auf den 14. Juni vor. Wenn sie nicht gerade streikt, interessiert sie sich für die digitale Transformation genauso wie für das Thema Gleichstellung, das sie seit ihrem Studium begleitet.
MELANIE WIRZ, *1992, studiert Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Sie ärgert sich über ungleiche Löhne auch in ihrer Berufsgruppe, dem Journalismus, und wird deshalb am 14. Juni zum ersten Mal an einem Frauenstreik teilnehmen.

Von Mai bis Anfang Oktober 2019 gastiert das museum schaffen in der Lokstadt im Herzen von Winterthur. Als Schauplatz dient die Halle Draisine, eine ehemalige Montagehalle der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik. Im Rahmen von Eins, zwei, drei, 4.0 stehen eine anregende Ausstellung, abwechslungsreiche Veranstaltungen sowie ein Work Lab mit innovativen Workshops auf dem Programm.
Das moderne Historische Museum wird vom Historischen Verein Winterthur (HVW) getragen. Es stellt den Menschen als Schaffenden ins Zentrum und freut sich über Begleiter*innen, Besucher*innen und Macher*innen: Denn neben dem, was das Betriebsteam und seine Verbündeten selber auf die Beine stellt, bietet es auch Dritten Raum und Platz, um zu arbeiten und/oder zu veranstalten, zu feiern.










